
Die 4-Tage-Woche galt lange als Privileg von Büroangestellten und Tech-Firmen. Doch ausgerechnet in zwei der körperlich anspruchsvollsten Branchen der Schweiz – der Gastronomie und dem Bau – wird das Modell inzwischen ernsthaft diskutiert und erprobt. Der Grund liegt auf der Hand: Der Fachkräftemangel zwingt Arbeitgeber zum Umdenken. Wer heute noch Köchinnen, Servicemitarbeiter oder Maurer finden will, muss mehr bieten als nur einen anständigen Lohn. Aber lässt sich eine kürzere Arbeitswoche in Schichtbetrieben und auf der Baustelle überhaupt realisieren? Oder bleibt sie eine schöne Utopie?
Der Fachkräftemangel als Treiber
In kaum einer Branche ist der Personalmangel so akut spürbar wie in der Gastronomie. Während der Pandemie haben Zehntausende Mitarbeitende das Gewerbe verlassen – viele sind nie zurückgekehrt. Restaurants in Zürich, Bern oder Luzern reduzieren ihre Öffnungstage nicht aus mangelnder Nachfrage, sondern schlicht, weil das Personal fehlt. Ähnlich sieht es auf dem Bau aus: Der Schweizerische Baumeisterverband warnt seit Jahren vor einem Mangel an qualifizierten Fachkräften, und die demografische Entwicklung verschärft die Lage zusätzlich.
In diesem Umfeld wird die 4-Tage-Woche vom Luxus zum strategischen Instrument. Eine bessere Work-Life-Balance ist für viele Arbeitnehmende heute wichtiger als ein paar Franken mehr Lohn. Firmen, die hier vorangehen, positionieren sich als attraktive Arbeitgeber – ein entscheidender Vorteil im Wettbewerb um die besten Köpfe und Hände.
Die Realität in körperlich fordernden Berufen
Genau hier liegt aber auch die grösste Herausforderung. Ein 10-Stunden-Tag auf dem Bau bei Hitze oder Kälte ist etwas völlig anderes als zehn Stunden am Schreibtisch. Viele 4-Tage-Modelle setzen auf die sogenannte komprimierte Woche: Die übliche Wochenarbeitszeit von rund 42 bis 45 Stunden wird auf vier längere Tage verteilt. Für körperlich stark beanspruchte Berufe kann das kontraproduktiv sein, weil die Erholung während des Arbeitstages zu kurz kommt.
Interessanter ist deshalb das Modell mit echter Arbeitszeitreduktion – also vier Tage zu je acht oder neun Stunden bei gleichbleibendem Lohn. Hier steht und fällt alles mit der Produktivität. In der Gastronomie kommt erschwerend hinzu, dass Wochenenden und Abende die umsatzstärksten Zeiten sind. Eine 4-Tage-Woche bedeutet hier nicht automatisch ein freies Wochenende, sondern eher einen zusätzlichen freien Tag unter der Woche.
Schweizer Pilotprojekte und erste Erfahrungen
Es gibt sie bereits, die Vorreiter. Einzelne Gastronomiebetriebe in der Deutschschweiz haben die 4-Tage-Woche eingeführt und berichten von deutlich weniger Kündigungen und einer höheren Zahl an Bewerbungen. Wenn ein offener Posten plötzlich ein Dutzend gute Bewerbungsdossiers anzieht statt nur einer Handvoll, spricht das eine klare Sprache.
Auch international liefern Studien spannende Daten: Grossangelegte Pilotprojekte in Grossbritannien und Island zeigten, dass die Produktivität trotz kürzerer Arbeitszeit stabil blieb oder sogar leicht stieg, während Krankheitstage und Burnout-Fälle zurückgingen. Übertragen auf die Schweiz heisst das: Ausgeruhtes Personal arbeitet konzentrierter, macht weniger Fehler – auf der Baustelle ein nicht zu unterschätzender Sicherheitsfaktor – und bleibt der Firma länger treu.
Was es für Arbeitgeber und Arbeitnehmende bedeutet
Für Arbeitgeber überwiegen bei sorgfältiger Umsetzung die Vorteile, doch die Hürden sind real. Auf der Habenseite stehen:
- Attraktivität: Ein starkes Argument im Kampf um Fachkräfte und gegen die hohe Fluktuation.
- Weniger Absenzen: Erholtere Mitarbeitende sind seltener krank.
- Mehr Bewerbungen: Offene Stellen lassen sich schneller besetzen.
Dem stehen Herausforderungen gegenüber: höhere Personalkosten pro geleisteter Stunde, komplexere Schichtplanung und die Frage, wie sich die Öffnungszeiten respektive Bauzeitpläne halten lassen. Gerade kleinere Betriebe müssen genau rechnen, ob das Modell tragfähig ist.
Für Arbeitnehmende ist die Sache klarer: mehr Erholung, mehr Zeit für Familie und Hobbys, weniger Stress. Wichtig ist jedoch, genau hinzuschauen. Bleibt der Lohn wirklich gleich, oder wird er anteilig gekürzt? Wie wirken sich längere Tage auf Pausen und Überstundenregelung aus? Und vergessen Sie nicht: Sozialabgaben wie die AHV und die Pensionskasse bemessen sich am Lohn – bei gleichem Lohn bleibt Ihre Vorsorge unangetastet, bei einer Kürzung sollten Sie die Auswirkungen prüfen.
Wird die 4-Tage-Woche zum neuen Schweizer Standard?
Ein flächendeckender Standard wird die 4-Tage-Woche in Gastro und Bau auf absehbare Zeit kaum. Dafür sind die betrieblichen Realitäten zu unterschiedlich, und die Gesamtarbeitsverträge (GAV) dieser Branchen sind nach wie vor auf klassische Arbeitsmodelle ausgerichtet. Eine Anpassung der GAV wäre ein wichtiger Schritt, damit reduzierte Arbeitszeiten rechtlich sauber und fair geregelt werden können.
Realistisch ist hingegen, dass sich Mischformen und flexible Modelle durchsetzen – etwa die 4,5-Tage-Woche oder rollierende Systeme, bei denen jede Woche ein anderer Tag frei ist. Der Druck durch den Fachkräftemangel wird nicht nachlassen, und genau dieser Druck macht Experimente wahrscheinlich. Die Betriebe, die heute mutig vorangehen, sammeln wertvolle Erfahrungen und sichern sich einen Vorsprung als attraktive Arbeitgeber.
Fazit: Utopie war gestern
Die 4-Tage-Woche in der Gastronomie und auf dem Bau ist längst keine reine Utopie mehr, aber auch noch lange kein flächendeckender Standard. Sie ist ein vielversprechendes Werkzeug, das mit der richtigen Planung in vielen Betrieben funktionieren kann – als Antwort auf den Fachkräftemangel und als ehrliches Bekenntnis zu zufriedenen Mitarbeitenden. Ob als Arbeitgeber, der neue Wege gehen will, oder als Fachkraft, die nach besseren Arbeitsbedingungen sucht: Es lohnt sich, das Thema im Auge zu behalten.